In Politik und Medien wird regelmäßig die These vertreten, Deutschland habe zu viele Stromverteilnetzbetreiber. Die große Zahl von rund 860 Stromverteilnetzbetreibern wird dabei häufig als Ursache für hohe Netzkosten, komplexe Marktprozesse und einen vermeintlichen Mangel an Effizienz genannt. Daraus wird gelegentlich die Forderung abgeleitet, den Verteilnetzbetrieb auf deutlich weniger Unternehmen zu konzentrieren.
Ein Blogbeitrag von Bernhard Mildebrath, Schleupen SE
Bei näherer Betrachtung greift diese Argumentation jedoch zu kurz. Sowohl der europäische Vergleich als auch die technischen und regulatorischen Anforderungen der Energiewende sprechen für eine differenzierte Bewertung. Zunächst lohnt sich der Blick nach Europa. Die Struktur der Verteilnetze ist innerhalb der Europäischen Union sehr unterschiedlich ausgeprägt. Nach Angaben der Europäischen Kommission und der EU DSO Entity existieren in einigen Mitgliedstaaten tatsächlich nur wenige oder sogar nur ein einziger großer Verteilnetzbetreiber. Andere Länder wie Österreich, Dänemark oder Finnland setzen dagegen auf regionale oder kommunale Strukturen mit einer Vielzahl von Netzbetreibern. Die Europäische Kommission weist ausdrücklich darauf hin, dass die Zahl der Verteilnetzbetreiber in Europa von einem einzigen bis zu mehreren hundert Unternehmen pro Land reicht. Die Vielfalt der Strukturen wird dabei nicht als Hindernis, sondern als Ergebnis historischer, geografischer und politischer Entwicklungen betrachtet. Entscheidend ist aus europäischer Sicht nicht die Anzahl der Netzbetreiber, sondern deren Fähigkeit, effizient zusammenzuarbeiten und einheitliche Marktregeln anzuwenden.
Die Energiewende in Deutschland findet überwiegend auf der Ebene der Verteilnetze statt. Nach Angaben des BDEW werden rund 90 Prozent der erneuerbaren Erzeugungsanlagen an Verteilnetze angeschlossen. Hinzu kommen Wärmepumpen, (inzwischen auch schon bi-direktional wirkende) Ladeeinrichtungen für Elektrofahrzeuge, Batteriespeicher sowie damit verbunden neue Flexibilitätsangebote. Die Verteilnetzbetreiber entwickeln sich damit von reinen Infrastrukturbetreibern zu aktiven Systemmanagern.
Viele kommunale und regionale Netzbetreiber verfügen über eine hohe Kenntnis ihrer lokalen Netzsituationen und ihrer regionalen Ausbauanforderungen. Dies kann insbesondere bei Absicherung der inzwischen oft beschworenen Resilienz wie auch bei der fortgesetzten Integration erneuerbarer Energien ein Vorteil sein.
Auch die These, eine geringere Zahl von Netzbetreibern würde automatisch zu niedrigeren Netzkosten führen, ist nicht ohne Weiteres belegbar. Stromverteilnetze sind natürliche Monopole und unterliegen einer strengen Regulierung durch die Bundesnetzagentur. Die Erlöse der Netzbetreiber werden nicht frei am Markt bestimmt, sondern durch regulatorische Verfahren begrenzt. Effizienzvorgaben und Benchmarking-Mechanismen sorgen bereits heute dafür, dass Netzbetreiber ihre Kosten permanent optimieren müssen. Eine bloße Vergrößerung von Netzgebieten garantiert deshalb nicht automatisch sinkende Kosten für die Netznutzer. Vielmehr ist es heutzutage vor allem der Grad an Digitalisierung, der kostensenkend führt. So haben vor allem kleinere Verteilnetzbetreiber beispielsweise aktuell noch einen Vorsprung im Pflichtrollout intelligenter Messsysteme gegenüber den größeren Einheiten.
Die Stadtwerke in Norderstedt (78,7 %), in Stendal (75,6 %) oder Jülich (74,7%) liegen laut BNetzA deutlich vor Unternehmen wie Stromnetz Berlin (53,1%) oder Westnetz (49,8%). Hinzu kommt, dass die eigentlichen Herausforderungen des deutschen Energiemarktes häufig nicht aus der Anzahl der Marktakteure resultieren, sondern aus der Vielzahl unterschiedlicher Prozesse, Datenmodelle, IT-Systeme und regulatorischer Einzelanforderungen. Genau an dieser Stelle setzt die Argumentation des edna Bundesverbandes Energiemarkt & Kommunikation an. Der Verband betont seit vielen Jahren, dass die Energiewende nur funktionieren kann, wenn die IT-Systeme der Marktpartner reibungslos miteinander kommunizieren. Nicht die Zahl der Marktteilnehmer, sondern die Qualität der Standardisierung entscheidet über die Effizienz der Marktprozesse.
Ein Blick auf die Entwicklung der Marktkommunikation bestätigt diese Einschätzung. In zahlreichen Projekten, beispielsweise bei der Einführung des AS4-Kommunikationsstandards oder bei der Entwicklung neuer API-basierter Marktkommunikationsverfahren, hat die Branche gezeigt, dass selbst hunderte Marktteilnehmer effizient zusammenarbeiten können, sofern gemeinsame technische Standards vorliegen. Der edna Bundesverband spricht in diesem Zusammenhang bewusst von der Vermeidung einer „babylonischen Sprachverwirrung“ im Energiemarkt. Ziel ist ein durchgängiger, standardisierter und automatisierter Datenaustausch über alle Marktrollen hinweg.
Vor diesem Hintergrund erscheint ein anderer Ansatz deutlich zielführender als eine groß angelegte Konzentration des Verteilnetzbetriebs. Statt organisatorische Strukturen zusammenzulegen, sollten Marktprozesse konsequent vereinheitlicht werden. Dazu gehören insbesondere:
- standardisierte Marktkommunikationsverfahren,
- einheitliche technische Schnittstellen und APIs,
- austauschbare Softwarefunktionen für Massengeschäftsprozesse,
- harmonisierte Formulare und Datenmodelle,
- einheitliche Prüf- und Freigabeverfahren,
- sowie ein möglichst konsistentes technisches Regelwerk.
Die Energiewirtschaft verfügt hierfür bereits über erfolgreiche Beispiele. Die Marktkommunikation nach GPKE, GeLi Gas oder WiM hat gezeigt, dass standardisierte Geschäftsprozesse unabhängig von der Größe eines Marktteilnehmers funktionieren können. Gleiches gilt für technische Standards wie EDIFACT oder künftig verstärkt für API-basierte Verfahren.
Eigentlich sollte die Branche an die Erfahrungen des Übergangs vom verhandelten Netzzugang (NTPA) in 2005 zum regulierten Netzzugang anknüpfen. Mit der Einführung bundesweit einheitlicher Regeln, standardisierter Prozesse und regulatorisch definierter Rollen gelang es damals, die Zusammenarbeit zwischen Netzbetreibern, Lieferanten und weiteren Marktpartnern erheblich zu vereinfachen. Nicht die Zahl der Beteiligten wurde reduziert, sondern die Art und Weise ihres Zusammenwirkens vereinheitlicht!
Die Herausforderungen der kommenden Jahre liegen daher weniger in der Frage, wie viele Verteilnetzbetreiber es in Deutschland gibt. Entscheidend ist vielmehr, wie effizient diese Akteure miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten können. Die Energiewende benötigt leistungsfähige, digitalisierte und interoperable Prozesse. Standardisierung, Automatisierung und einek konsequente Vereinheitlichung der Marktkommunikation versprechen hier deutlich größere Effizienzgewinne als eine strukturelle Konzentration auf wenige große Netzbetreiber. Die eigentliche Zukunftsaufgabe lautet daher nicht Zentralisierung, sondern Standardisierung.
Bild: Bernhard Mildebrath